Automatikuhr aufziehen: Starten, Vollaufzug und Gangreserve

Eine laufende Automatikuhr ist nicht automatisch voll aufgezogen. So unterscheiden sich Startaufzug, Vollaufzug und Gangreserve – mit konkreten Herstellerbeispielen.

Eine Automatikuhr kann bereits laufen, ohne vollständig aufgezogen zu sein. Wer ihre Gangreserve einschätzen möchte, muss deshalb zwischen Startaufzug und Vollaufzug unterscheiden.

Automatik und Handaufzug können zusammengehören

Eine Automatikuhr erhält beim Tragen Energie aus der Armbewegung. Je nach Werk lässt sie sich zusätzlich über die Krone aufziehen. Seiko beschreibt beide Möglichkeiten ausdrücklich für die hier herangezogenen Kaliber 4R35 und 4R36. [1] Ob und wie der Handaufzug bei der eigenen Uhr funktioniert, steht in ihrer Anleitung.

Für Tragepausen kann auch ein Uhrenbeweger eine Rolle spielen. Unser Leitfaden Uhrenbeweger für Automatikuhren: Nutzen, Drehrichtung und TPD hilft bei der Entscheidung und beim Abgleich von Uhrwerk und Geräteprogramm. Angaben zum Aufziehen über die Krone lassen sich dabei nicht als tägliche Drehzahl eines Bewegers übernehmen.

Für eine längere Tragepause ergänzt der Ratgeber Mechanische Uhr aufbewahren: Ablage und längere Tragepausen die Hinweise zum Wiederaufziehen. Er behandelt den geeigneten Lagerort, die Vorbereitung vor dem Einlagern und die Kontrolle vor dem erneuten Tragen. Die Empfehlungen zur Aufbewahrung sind dabei von den modellspezifischen Aufzugsschritten zu unterscheiden.

Eine stehen gebliebene Uhr wieder starten

Die folgende Orientierung gilt für Automatikuhren, deren Anleitung einen manuellen Aufzug vorsieht:

  1. Modell und Kronentyp prüfen. Die passende Anleitung heranziehen und eine vorhandene Schraubkrone zunächst nach deren Vorgaben lösen. [1, 2]
  2. Die Aufzugsstellung verwenden. Kronenposition und Drehrichtung der eigenen Anleitung entnehmen. Beim genannten Seiko-Beispiel wird langsam im Uhrzeigersinn aufgezogen; die Gegenrichtung spannt die Feder nicht. [1]
  3. Startaufzug ist nicht Vollaufzug. Für die volle Gangreserve nach der dafür vorgesehenen Anleitung aufziehen. [2]
  4. Einstellungen abschließen. Uhrzeit und gegebenenfalls Kalender nach Anleitung einstellen; eine vorhandene Schraubkrone anschließend wieder korrekt verschließen. [1, 2]

Das Entriegeln vor der Bedienung und das anschließende Verschließen erläutert unser Ratgeber Schraubkrone lösen und wieder schließen. Er unterscheidet die gelöste Grundstellung von den Einstellpositionen und erklärt, worauf beim Ansetzen des Gewindes zu achten ist.

Aufziehen und Kalender-Schnellkorrektur sind unterschiedliche Funktionen. Zum Kalender hilft unser Beitrag Datum und Wochentag einstellen: Sperrzeiten und Tageshälfte.

Wie viele Kronendrehungen sind nötig?

Oris nennt in seiner Inbetriebnahmeanleitung unterschiedliche Werte für Startaufzug und Vollaufzug: [2]

Angabe in der Oris-Anleitung [2]Genannte Anzahl
Inbetriebnahme, allgemeiner AbschnittMindestens 12 Drehungen der Krone
Vollaufzug, allgemeiner Abschnitt80–100 Drehungen
Vollaufzug, Sonderangabe für Cal. 400+210 vollständige Drehungen

Diese Oris-Werte sind keine Vorgaben für Seiko oder Snyper. Nur bei Cal. 400+ nennt die Quelle ausdrücklich vollständige Drehungen; kurze Fingerbewegungen dürfen nicht ungeprüft damit gleichgesetzt werden.

Warum Tragen nicht automatisch Vollaufzug bedeutet

Oris beschreibt, dass sich der Vollaufzug beim täglichen Tragen erst über mehrere Tage aufbauen kann, und nennt für Cal. 400+ einen längeren Zeitraum als im allgemeinen Beispiel. [2] Aus „heute getragen“ lässt sich deshalb kein sicherer Vollaufzug ableiten.

Seiko nennt für das 4R35/4R36-Beispiel etwa 41 Stunden Laufzeit nach vollständigem Aufziehen. [1] Wird eine nur teilweise aufgezogene Uhr abgelegt, ist eine kürzere Restlaufzeit allein noch kein belastbarer Nachweis eines Defekts. Zuerst ist zu klären, mit welchem Aufzugszustand die Beobachtung begonnen hat.

Wer die Laufzeit nach dem Ablegen nachvollziehbar erfassen möchte, findet in unserem Leitfaden Gangreserve messen und Laufzeit protokollieren eine Schrittfolge mit einer Vorlage für eigene Notizen. Aufzugszustand, Betriebsbedingungen und Kontrollzeiten werden getrennt festgehalten. Bleibt der Vollaufzug unklar, wird das Ergebnis als beobachtete Restlaufzeit eingeordnet.

Bei zunehmendem Widerstand nicht weiter erzwingen

Oris empfiehlt, mit dem Drehen aufzuhören, wenn der Widerstand stärker wird. [3] Eine festgehende oder ungewöhnlich schwergängige Krone sollte man deshalb nicht mit zusätzlicher Kraft behandeln, nur um eine vorgegebene Zahl zu erreichen. Bleibt die Funktion unklar oder läuft die Uhr trotz korrekter Bedienung auffällig kurz, ist eine fachliche Prüfung sinnvoll.

Was historische Gangreserve-Angaben aussagen

Bei der Snyper One von 2009 dokumentieren wir eine damalige Herstellerangabe von 48 Stunden. Das ist kein heutiger Laufzeittest eines vorhandenen Exemplars. Auch lassen sich daraus weder die benötigte Zahl der Kronendrehungen noch eine passende Bedienungsanleitung für das Kaliber 7755 S ableiten.

Quellen und Arbeitsweise

[1] Seiko: Aufziehen der Aufzugsfeder, Anleitung 4R35/4R36 für Taucheruhren.

[2] Oris: Wie nehme ich meine Uhr in Betrieb?.

[3] Oris: Besteht die Gefahr, die Aufzugsfeder zu beschädigen, wenn ich meine Oris-Uhr aufziehe?.

Quellenstand: 8. Oktober 2026. Der Beitrag erläutert Herstelleranleitungen und ordnet deren Geltungsbereich ein. Eigene Aufzugs-, Verschleiß- oder Gangreservetests wurden dafür nicht durchgeführt.

7 Kommentare

  1. […] Nein, aus dem automatischen Aufzug allein ergibt sich keine Pflicht zum Beweger. Rolex beschreibt beispielsweise ausdrücklich, wie eine nach einer Tragepause stehen gebliebene Uhr von Hand wieder aufgezogen und eingestellt wird. [3] Das ist eine Herstelleranweisung für Rolex, keine pauschale Bedienungsanleitung für Snyper. Die grundlegende Unterscheidung zwischen Start und Vollaufzug erläutert unser Beitrag Automatikuhr aufziehen. […]

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